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Nov 16

Paris

Paris. Eigentlich wollte ich schon eher etwas darüber schreiben. Vermutlich entstehen in diesem Moment tausende Beiträge dazu. Vermutlich haben es nicht alle im ersten Moment geschafft, etwas darüber zu schreiben. So ähnlich geht es mir. Das zweite Mal Frankreich in einem Jahr. So langsam langsam fühle ich mich sehr eingeengt.

Was passiert ist, muss ich nicht noch einmal niederschreiben. Zum einen hatte ich kaum Zeit, mir diverse Dinge durchzulesen und zum anderen war ich viel zu sehr mit Dingen des Alltags verhindert. Für mich ging das Leben weiter. Allein diese Tatsache wird für mich immer mehr und mehr zum Luxus.
Und dennoch: Bereits am Tag danach fühlte ich das dringende Bedürfnis, etwas darüber zu schreiben. Frankreich – genauer, sogar Paris – ist in diesem Jahr schon einmal von einem terroristischen Attentat betroffen gewesen. Damals ging es um die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die vor dem Attentat kaum bekannt war, nach dem Attentat schnellte die Bekanntheit und auch die Auflagenzahl des Blattes in die Höhe.
 
Bevor ich hier weiterschreibe, möchte ich nur kurz etwas feststellen: Breijvik in Norwegen, die Attentäter in Paris im Jänner, Die Attentäter jetzt in Paris, die Terroristen, die Flüchtlingsheime anzünden, die Terroristen, die versucht haben, die RAF-Terroristen frei zu pressen, haben alle etwas gemeinsam: Sie versuchen, Entscheidungsträger dazu zu bewegen, der restlichen Bevölkerung die Freiheit zu nehmen. Diese Menschen sind in meinen Augen Unmenschen, rassistische Arschlöcher, Drecksäcke, einfältige Spinner, Idioten, die völlig verblendet einer Idee folgen und kein Urteilsvermögen besitzen. Menschen, die die Welt einfach brennen sehen wollen. Ich bin versucht gewesen, meinen ganzen Beitrag über diese menschen all das zu nennen. Ich tue das bewusst nicht, weil ich der Meinung bin, dass Emotionen hier nur zu falschen Entscheidungen leiten. Die Terroristen rechnen damit – und wollen genau das. Diesen Gefallen will ich ihnen nicht machen.
 
Zurück zum Ereignis. Ich war an einem sehr angenehmen Abend mit netten Leuten unterwegs – und ich bin ziemlich spät nach Hause gekommen. Hundemüde wie ich war, hab ich noch was zu trinken gerichtet und dann Facebook aufgemacht. Meine gute Laune war im Eimer. 
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Vielleicht sollte ich jetzt noch einmal betonen, dass ich verdammt nochmal schockiert war. Ich habe zugegeben erst einmal eine Zeit lang gebraucht, bis ich realisieren konnte, was da geschehen ist. Dann hat es mich voll getroffen. Selbstverständlich bin ich auf Facebook auf die ersten Profilbildänderungen gestoßen – und die meisten Beileidbekundigungen hatten etwas mit Gebeten zu tun. Der Hashtag #PrayforParis war allgegenwärtig, in den Gebeten vieler wurden die Angehörigen der Opfer – und auch die Opfer selbst – eingenommen.
 

Ich bete für niemanden.

Die Anschläge haben mich sehr traurig gestimmt und natürlich kamen auch Gedanken, ob in "meiner" Stadt etwas Ähnliches möglich wäre. Die rationale Hälfte meines Gehirns vewarf die Bedenken schnell wieder. Die Betroffenheit jedoch blieb. Und obwohl viele auf Facebook schrieben, dass sie für Paris beten würden, schreibe ich jetzt, dass ich das nicht tue. Die Menschen in Paris haben meine Anteilnahme – so wie sie von vielen anderen auch kommt. Ich bete nicht. Ich bete nicht, weil das wieder Religion ins Boot holt – ReligionEN, die in der Vergangenheit schon Auslöser für viel Leid waren und es heute auch noch sind. Ich denke da an die Römische Katholische Kirche, die etwa immer noch keinen humanistischen Standpunkt vertritt, was homosexuelle Partnerschaften angeht.
Selbstverständlich gab es nach diesen Anschlägen auch eine Reaktion von Charlie Hebdo. Und die, die fällt ähnlich geistreich aus wie das Cover des ersten Magazins, das im Jänner nach den Anschlägen auf den Markt kam.
Und genau das sollte die passende Antwort auf diesen Terrorismus sein. Paris, die "Stadt der Liebe", wurde nachhaltig verändert. Menschen leben in Angst, seit Freitag wissen die Menschen, dass Paris unter ständiger Beobachtung steht. Diese Atmosphäre hat man heute mehr als überdeutlich gesehen, als ein paar Spinner Knallkörper in Paris gezündet haben. Diese Aktion darf man getrost als niederträchtig bezeichnen – man kann sich auch andere Wörter dafür ausdenken, die man lieber nicht niederschreiben sollte – und selbst diese Beschreibungen wäre wahrscheinlich noch zu milde. Mit den Ängsten der Bevölkerung zu spielen, ist das Letzte.
In die Reihe dieser Individuen dürfen sich alle Anhänger rechter Parteien einreihen, die seit Monaten gezielt Ängste in der Bevölkerung schüren, um damit eine Atmosphäre des Hasses gegen Flüchtlinge zu fördern.
Mein erster Gedanke am Samstag Morgen war die tiefe Betroffenheit. Mein zweiter Gedanke war die Angst vor dem, was jetzt an Reaktionen der Politiker folgen wird. Man erinnere sich: 2011 hat ein verwirrter Geist auf einer Insel in Norwegen um sich geschossen. Premierminister Stoltenberg hat beim Trauergottesdienst eine beeindruckende Forderung gestellt:

"Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit."

Wieso war das beeindruckend? Nun, normalerweise reagieren Politiker nach Terroranschlägen traditionellerweise mit mehr Überwachung, mehr Rechte für die Polizei, weniger Rechte für den Bürger und auch im Extremfall die Umkehrung der Unschuldsvermutung: Die Bevölkerung wird unfrei.
So auch hier. Reinhold Lopatka hat für mich persönlich den Vogel abgeschossen. Reinhold Lopatka hat mit seinen Tweets, die er wohlgemerkt unmittelbar nach den Anschlägen vom 13.11. abgesetzt hat, den Terroristen in die Hände gespielt.
 
Ja, ich bin der Meinung, dass Lopatka den Terroristen geholfen hat.
Tweet 1:

Tweet 2 – noch einmal eine Bekräftigung:

 
Lopatka hat noch einmal die Forderung nach dem Staatsschutzgesetz bekräftigt, das aktuell zur Verhandlung steht und Österreichs ganz eigene Reaktion auf die Anschläge in Paris sind. Kurz: Das Staatsschutzgesetz ist eine massive Befugniserweiterung der hiesigen Behörden. Lopatka weiß das und meint auch, dass man ganz bewusst Freiheiten aufgrund von Sicherheit einbüßen wird. Irgendwo in Syrien sitzen die Drahtzieher und lachen sich einen Ast ab: Sie haben ihr Ziel erreicht.
Im Grunde können sich die Terroristen jetzt entspannt zurücklehnen, denn ihr Job wird jetzt von anderen beendet – unseren Entscheidungsträgern. Und es wird sogar noch besser: Die Islamisten habe zusätzlich einen – für sie vermutlich höchst angenehmen – Nebeneffekt erzielt: Die Flüchtlinge, die seit einigen Monaten Richtung Nordeuropa wandern, werden jetzt wieder vom Krieg eingeholt.
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Und nicht nur das. Mein dritter Gedanke am Freitag war, dass diese Anschlagserie wahrscheinlich jetzt der Auslöser ist, der den Flüchtlingen jetzt den blanken offenen Hass entgegen schlagen lässt. Schon lange befürchte ich, dass irgendwann einmal die Stimmung endgültig kippt und ich vermute, dass der Punkt jetzt erreicht ist. Die Islamisten bringen es zustande, den Menschen, auf die sie keinen direkten Einfluss mehr haben, eine unmissverständliche Botschaft zu schicken und ihnen die geringe Sicherheit, die sie bei uns haben, jetzt schon wieder zu nehmen.
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Ich für mich halte es, wie glücklicherweise viele aus der Zivilgesellschaft. Ich lasse es nicht zu, dass der Terror mein Leben dominiert. Ich lasse es nicht zu, dass Flüchtlinge, die unsere Hilfe benötigen, Abscheu, Argwohn und Hass als "europäische" Werte kennenlernen. Ich lasse es nicht zu, dass meine Freiheit genommen wird. Ich lasse es nicht zu, dass die Demokratie stirbt (sicher, sie hat ihre Fehler – aber diesbezüglich halte ich es mit Churchill). Ich lasse es nicht zu, dass das Europa der offenen Grenzen wieder zurückgebaut wird, um eine Illusion von Sicherheit zu erschaffen.
Ich habe die unglaubliche Gnade erfahren, in Österreich geboren worden zu sein. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Grenzen gefallen sind und ein neues Verständnis von einem vereinten Europa entstanden ist. Einem Europa, in dem Humanismus, Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde  praktiziert wird. Zugegeben, was die Menschenwürde und die Gleichheit angeht, gibt es noch Defizite, aber ich denken, dass wir auf einem guten Weg sind. Mein Europa lässt eine friedliche Koexistenz verschiedener Religionen zu und akzeptiert das freie Wort.
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Ich will mir mein Europa nicht kaputt machen lassen. Jedoch sind es nicht die Islamisten, die es zerstören – es sind die Spalter von der FPÖ und solche Intelligenzallergiker wie Lopatka, Seehofer und Cameron.
 
Bezüglich dem Copyright der Bilder: Ich werde versuchen, das in den nächsten Tagen nachzureichen, bzw. korrekt zu verlinken. Alle Bilder sind aber aus Facebook.
Regarding the Image Copyright: I will add the correct attribution within the next days. All pictures are coming from Facebook.

 

1 Kommentar

  1. Stefan

    Hallo Lukas, gut geschrieben! Wenn in dieser Zeit viele so denken und es auch kund tun und es leben müssen wir uns in Europa nicht fürchten. Leider gibt es aber auch viele dumme, berechnende Leute denen es hauptsächlich um MACHT geht. Schönes WE!

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